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Klärwerk

Geschichte zum Eutiner Klärwerk 

"Ohne Wasser gibt es kein Leben. Wasser ist ein kostbares, für den Menschen unentbehrliches Gut." So lautet der Leitsatz aus der Europäischen Wasser-Charta. Das Wasser sauber zu halten, so dass es jederzeit den vielfältigen Nutzungsansprüchen genügen kann, gilt als wesentlicher Beitrag zur Daseinsvorsorge. Dieser Aufgabe stellen sich seit fast 60 Jahren die Mitarbeiter der Stadtentwässerung Eutin - mit großem Erfolg: Das Klärwerk des ostholsteinischen Kreisstadt zählt zu den modernsten in seiner Größenkategorie und wird unverändert als Vorzeigemodell für vergleichbare Städte angesehen. Doch es war ein sehr langer Weg, bis im Jahr 1956 die ersten Haushalte an die Vollkanalisation angeschlossen werden konnten. . .

Wie es in früheren Jahrhunderten um die Fäkalentsorgung stand, macht eine kleine Anekdote deutlich, die auf den berühmten Johann Heinrich Voss zurückgeht. Der 1782 auf Wunsch des Fürstbischofs nach Eutin gezogene Dichter und Gelehrte wurde zunächst in einem Haus an der Wasserstraße untergebracht. Weil die Bauern ihr Vieh über diese Verbindung zum See trieben, um es dort zu tränken, war es unvermeidlich, dass die Tiere das Straßenpflaster mit ihren stinkenden Hinterlassenschaften dekorierten. Dies stieß Voss derart übel auf, dass er sich in einem Beschwerdeschreiben beklagte, die gesamte Wasserstraße sei "gleich der Cyklopenhöhle mit Dung übersät". Er erwog bereits, Eutin vorzeitig zu verlassen, so dass der Fürstbischof ihn mit einer kräftigen Gehaltszulage und einer adäquateren Wohnung besänftigen und zum Bleiben bewegen musste.

Im Raum Ostholstein waren es zunächst einige Bädergemeinden an der Lübecker Bucht, die sich 1927 zu einem Zweckverband zur Entsorgung und Klärung der Abwässer zusammenschlossen - schließlich wollte man ja vom aufkommenden Tourismus profitieren. Beim Bau des ersten Klärwerks in Timmendorfer Strand ging es aber laut Zeitzeugen noch vorwiegend darum, die Abwässer so zu reinigen, dass sie in "optisch ansprechender Form" den Gewässern wieder eingeleitet werden konnten. Von den hochentwickelten Möglichkeiten der modernen Kläranlagentechnologie war man noch weit entfernt, zumal die entsprechende Forschung noch in den Kinderschuhen steckte.

Auch in Eutin startete der erste Versuch zur Errichtung einer Kläranlage im Jahr 1927, doch die alles lähmende Weltwirtschaftskrise ließ die Realisierung eines so ehrgeizigen Projektes in weite Ferne rücken, und so wurden die Pläne auf Eis gelegt. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wehte ein anderer Wind. Vom Reichsnährstand ging die verbindliche Richtlinie aus, bei Abwasserprojekten das sogenannte Verrieselungsverfahren anzuwenden. Fachleute bezeichneten dieses im Geheimen als "ökologischen und hygienischen Nonsens", aber kaum jemand wagte etwas gegen die von höchster Instanz kommenden Ideen einzuwenden. Doch letztlich kamen die Pläne aufgrund der Kriegsvorbereitungen zum vollständigen Erliegen. Anschließend brauchte man über Prioritäten dann gar nicht mehr zu diskutieren. . .

Nachdem das düsterste und beschämendste Kapitel der deutschen Geschichte sein jähes Ende gefunden hatte, standen die Verantwortlichen nun vor der gewaltigen Aufgabe des Neubeginns. Zwar war Eutin von Bombenangriffen verschont geblieben, aber durch die Aufnahme einer großen Anzahl von Flüchtlingen stieg die Einwohnerzahl von 9200 im Jahr 1939 auf beinahe 20 000 in 1947. Zwei Jahre später wurde ein Kieler Ingenieurbüro damit beauftragt, ein Konzept für den Bau einer Kläranlage zu  erstellen, aber nur wenige Monate später mussten die Eutiner Stadtväter zurückrudern - sie hatten kein Geld für das Vorhaben.

Doch so langsam ging es wieder aufwärts, und 1952 nahmen sie einen neuen Anlauf. Der finale Bauplan lag 1954 vor, und im Jahr darauf erfolgte der erste Spatenstich. Von Anfang an ging man von einer Klärkapazität von 20 000 Einwohnergleichwerten aus. Doch um sich finanziell nicht zu übernehmen, planten die Stadtvertreter eine so genannte modulare Ausrichtung des Bauverlaufs. Soll heißen: Man konnte die neue Anlage Schritt für Schritt an steigende Einwohnerzahlen und Bedürfnisse anpassen. Allein mit dem Bau des Klärwerks war es nicht getan: Zugleich musste ja eine Vollkanalisation der Straßenzüge in Angriff genommen werden. Heute gibt es fast kein Gebäude mehr, das nicht an die zentrale Abwasserentsorgung angeschlossen ist.

Mit Beginn der siebziger Jahre wurden die technischen Möglichkeiten immer ausgeklügelter. Härtere Bestimmungen kamen hinzu, und stets gelang es in Eutin, in Sachen Reinigungsleistung ganz vorn zu bleiben. Heute ist die technische Ausstattung in keinster Weise mehr mit der aus den Anfangsjahren zu vergleichen. Längst gehört ein Blockheizkraftwerk als unverzichtbarer Bestandteil zum Klärwerk. Es ist mittlerweile so leistungsstark, dass mehr als die Hälfte des benötigten Stroms im Klärwerk selbst produziert wird. Dass die Klärleistung hervorragend ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Erfolg ist bekanntlich die Summe richtiger Entscheidungen - und die hat man in Eutin ganz offenbar vom Start weg getroffen. Dies ist vor allem dort messbar, wo es darauf ankommt, was "hinten rauskommt" - nämlich bei den Messwerten. Diese lassen erkennen, dass die Eutiner Kläranlage in Bezug auf die Reinigungsleistung Jahr für Jahr ihren festen Platz in der Spitzengruppe aller teilnehmenden schleswig-holsteinischen Klärwerken einnimmt. Damit das so bleibt, wird ständig weiter investiert und verbessert. Ein Mitarbeiter bringt es auf den Punkt: "Wenn man hinten fertig ist, fängt man vorne wieder an. Und weil das so ist, sind wir so gut im Rennen!"


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